Projekt "Augen auf und helfen": SWSG und Stadt investieren 90.000 Euro in Modellvorhaben,das Nachbarn füreinander sensibilisieren soll
Gerade in den größeren Stuttgarter Wohnsiedlungen leben die Bewohner oft relativ anonym nebeneinander. Fälle, in denen Menschen erst Wochen später tot in ihrer Wohnung gefunden werden, gibt es immer wieder. Dem wollen die SWSG und das Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung der Landeshauptstadt Stuttgart mit dem Projekt „Augen auf und helfen“ entgegen wirken. Die ersten Ehrenamtlichen sind gefunden, jetzt geht es darum, sie auf ihre Aufgabe vorzubereiten.
Stuttgart, 26. Januar 2010
15 Monate lang lag ein 78-Jähriger tot in seiner 1-Zimmer-Wohnung in Stuttgart-Rot. Niemand hatte ihn vermisst, niemandem war aufgefallen, dass der ältere Herr seit längerem nicht mehr gesehen worden war. Als die Leiche im Januar 2007 gefunden wurde, war die erste Reaktion betroffene Fassungslosigkeit. Die direkten Nachbarn, aber auch die Bewohner der umliegenden Häuserblocks – ratlos. Auch bei der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft mbH (SWSG) war über den langjährigen Mieter nicht viel bekannt, außer, dass er seine Miete regelmäßig per Dauerauftrag überwiesen hatte – selbst dann noch, als er bereits tot in seiner Wohnung lag.
Fälle wie dieser sind kein Einzelfall, auch wenn nicht jede Leiche so lange unentdeckt bleibt. „Jeder dieser Fälle ist einer zu viel“, sagt Peter Steudler, Leiter der Abteilung Sozialmanagement. Aus diesem Grund haben die SWSG und das Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung der Landeshauptstadt Stuttgart im September 2008 das Projekt „Augen auf und helfen“ ins Leben gerufen. Ziel ist, gemeinsam mit der Caritas Ehrenamtliche, aber auch die Objektbetreuer, für ein verantwortliches Miteinander zu sensibilisieren. Des Weiteren sollen gefährdete Bewohner – also alte, zurückgezogen lebende Menschen ohne Angehörige – frühzeitig erkannt werden. Das Projekt ist zunächst begrenzt auf den Rotweg 134-140, 171-191 sowie die Fleiner Straße 68-74. „Stuttgart-Rot wurde ausgewählt, weil hier die Betroffenheit besonders hoch war. Außerdem leben in unseren dortigen Wohnungen viele ältere, alleinstehende Menschen“, erklärt Steudler. Darüber hinaus konnte in Rot eine Anschubfinanzierung durch das Förderprogramm „Die Soziale Stadt“ bereitgestellt werden. 90.000 Euro investieren die SWSG und die Stadt Stuttgart in das auf zwei Jahre ausgelegte Projekt. Sollte es erfolgreich verlaufen, sei es vorstellbar, es auch in anderen Stadtteilen zu initiieren.
Nach gut einem Jahr hat die mit der Umsetzung betraute Caritas nun die ersten Freiwilligen für das Projekt gewinnen können. „Ich habe alle Bewohner angeschrieben und persönlich besucht“, beschreibt Maria Alvarez von der Caritas ihre Bemühungen. Fünf Ehrenamtliche haben sich gefunden, denen nachbarschaftliche Fürsorge wichtig genug ist, um sich selbst zu engagieren. Anfang Oktober trafen sich die interessierten SWSG-Mieter zu einem ersten zwanglosen Kennenlernen. Alvarez und Steudler machten dabei deutlich, dass das Projekt keine professionelle Hilfe ersetzen soll. Stattdessen gehe es darum, darauf zu achten, wo jemand Hilfe benötigen könnte. „Die Organisation der Hilfe wird dann aber von anderen Institutionen übernommen“ sagt Alvarez: „Man kann vieles machen, man muss es aber nicht. Auch eine kleine Geste, kann eine große Wirkung erzielen.“ Als Alarmsignale gelten beispielsweise länger nicht hochgezogene Rollläden oder überfüllte Briefkästen. Aber auch wenn man den Nachbarn eine Zeit lang nicht mehr gesehen hat, sollte man stutzig werden. „Es ist ein schmaler Grat: Manche Menschen haben sich bewusst zurückgezogen, weil sie vom Leben und den Menschen enttäuscht sind“, sagt Steudler: „Man muss also schauen, wie man im Rahmen des Möglichen ein Stück Menschlichkeit schafft, ohne dabei das Recht auf Selbstbestimmung zu verletzen.“
Bei einem zweiten Treffen wurde dann abgeklärt, welche Aufgaben die Ehrenamtlichen genau erwarten. Anschließend werden die freiwilligen Helfer nun von Alvarez geschult. Generell sollen die Menschen auf diese Weise auch in Berührung mit anderen Hilfsangeboten vor Ort kommen. Bewusst zurückgezogen lebende Menschen könnten durch das Projekt beispielsweise auch auf die Bedeutung eines Notrufapparats aufmerksam werden. „Der Notrufapparat rettet nicht nur Leben, sondern verhindert auch einen qualvollen Tod“, betont Steudler. Langfristig strebt die SWSG eine Kooperation zwischen Ehrenamtlichen und Objektbetreuern an, sodass sich die Caritas zurückziehen kann. Steudler: „Wir wollen ein System, das ohne Sozialpädagogen auskommt.“
Zusätzliche Informationen erhalten Sie bei:
Stuttgarter Wohnungs- und
Städtebaugesellschaft mbH
Stephanie Ahr
Augsburger Straße 696
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