90 Jahre Wallmer – Von der Arbeitersiedlung zum Architekturdenkmal

Zwischen Weinbergen und dem Neckartal verbirgt sich im Stuttgarter Stadtbezirk Untertürkheim ein Stück Architekturgeschichte: die Wallmersiedlung. Sie scheint auf den ersten Blick eine ganz normale Wohnsiedlung zu sein, wie es sie an vielen Ecken in der Landeshauptstadt gibt – dabei ist sie eine kleine Besonderheit. Zwischen 1925 und 1931 errichtet, vereint die Siedlung zwei konträre Architekturstile in einer Nachbarschaft und zählt aufgrund ihrer architektonischen Besonderheiten zu den berühmten Stuttgarter Bauhaussiedlungen. 2021 feierte das denkmalgeschützte Kulturensemble sein 90-jähriges Jubiläum.

Ursprünglich war die Wallmersiedlung Heimat für Industriearbeiter*innen: Mit ihrem Wohnungsbauprogramm der 1920er Jahre wollte die Landeshauptstadt der in der Zwischenkriegszeit vorherrschenden Wohnungsnot entgegenwirken. In dem von Industrieanlagen geprägten Vorort war der Bedarf an Arbeiterwohnungen besonders hoch und so entstand die Wallmersiedlung in Untertürkheim mit dem Ziel, preisgünstigen Wohnraum und ein angenehmes Umfeld für Familien zu schaffen. Damals lag der Wallmer mitten im Grünen – umgeben von Weinbergen auf der einen Seite und Schrebergärten unterhalb der Häuserreihen, die den Bewohner*innen zum Anbau von Obst und Gemüse dienen sollten.

Der erste Teil der Siedlung – der sogenannte „alte“ Wallmer – wurde zwischen 1925 und 1926 errichtet und folgt noch dem traditionellen Heimatstil, mit steilen Satteldächern und expressionistischen Fassadendetails. Die Architekten Friedrich Mössner und Alfred Daiber konzipierten hierfür großzügige Zwei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen mit Wohnflächen zwischen 62 und 107 Quadratmetern. Beide Architekten prägten „ihren Teil“ der Gebäude jeweils individuell: Während Mössner sich streng am Standardgrundriss der Stadt orientierte, entschied sich Daiber dazu, das Treppenhaus auf die nordöstliche Seite zu verlegen, um die nach Südwesten ausgerichteten Wohnungen attraktiver zu gestalten.

Woher hat der "Wallmer" eigentlich seinen Namen?

Die Wallmersiedlung wurde nach dem örtlichen Flurnamen benannt, also dem Namen des Geländes, auf dem die Siedlung gebaut wurde. Der Flurname wird von „Walm“ abgeleitet, womit in erster Linie die Abschrägung eines Daches am Giebel gemeint ist – im Fall der Wallmersiedlung bezieht sich der Name jedoch auf die Form des Geländes, das leicht zu den Höhen ansteigt.

Nach der Fertigstellung des „alten“ Wallmers war zwar eine Erweiterung der Siedlung im Gespräch, aufgegriffen wurde das Vorhaben aber erst 1929, nachdem die Siedlung einen Anschluss an die Straßenbahn erhielt. Die Stadt vergab den Auftrag für den zweiten Teil der Siedlung an den Bund Deutscher Architekten (BDA). Das Gesamtkonzept für die Erweiterung erarbeitete der Architekt Richard Döcker, der 1927 bereits zwei Gebäude für die Weißenhofsiedlung entworfen hatte. Er prägte die weißen Flachdachzeilen des sogenannten „neuen“ Wallmer, der zwischen 1929 und 1931 ganz im Stil der Neuen Sachlichkeit entstand. Döcker legte besonderen Wert auf die Belichtung der Wohnungen und plante die Gebäude – entgegen der Vorgaben des städtischen Bebauungsplans – in einem Abstand von jeweils 15 Metern zueinander, wodurch die Häuserzeilen allesamt einen südwestlich ausgerichteten Vorgartenbereich erhielten. Auch er richtete die Treppenhäuser Richtung Nordosten aus; eine weitere Besonderheit stellte das zurückgesetzte vierte Geschoss dar. Im Gegensatz zum älteren Teil der Siedlung waren die Wohnungen des „neuen“ Wallmer durchweg als Drei-Zimmer-Wohnungen mit 55 Quadratmetern Wohnfläche konzipiert – und nur knapp ein Drittel der ursprünglich 316 Wohnungen verfügte über ein eigenes Bad. Stattdessen standen den Bewohner*innen eine gemeinsam genutzte Badeanstalt sowie ein zentrales Waschhaus in der Nachbarschaft zur Verfügung. Ein kleines Ladengeschäft in der Wallmerstraße versorgte die Siedlung mit Lebensmitteln.

Mit der Zeit entstanden in der Nachbarschaft weitere Wohnbauten, nach und nach verschwanden dabei auch die Schrebergärten. Der Stadtbezirk wandelte sich über die Jahre hinweg immer mehr – die Wallmersiedlung hingegen blieb eine verlässliche Konstante.  Bilder von damals, die kurz nach der Fertigstellung der Siedlung entstanden sind, zeigen eindrucksvoll, dass sich der Wallmer architektonisch bis heute kaum verändert hat. Die prägende Gestaltung ist nach wie vor auf den ersten Blick zu erkennen, wenngleich sie einen modernen Schliff verliehen bekommen hat.

Ihr neues Erscheinungsbild verdankt die Siedlung den umfassenden Modernisierungsmaßnahmen der SWSG: Rund 80 Jahre nach der Fertigstellung war es an der Zeit, die Wohnungen, die seit 1987 zum SWSG-Bestand zählen, an den heutigen Stand anzupassen. Die Modernisierung des besonderen architektonischen Erbes erforderte Behutsamkeit, daher wurden in enger Abstimmung mit der Denkmalbehörde sämtliche Maßnahmen darauf ausgelegt, den Originalzustand der Wohnhäuser zu erhalten. Zwischen 2010 und 2015 ließ die SWSG die Siedlung in mehreren Bauabschnitten umfassend sanieren – insgesamt rund 15 Millionen Euro flossen in die zukunftsgerechte Modernisierung der 250 Wohnungen. Die Gebäude wurden energetisch auf den neuesten Stand gebracht, Haustechnik und Bäder wurden erneuert und die Wohnräume modernisiert. Neue Fenster und Klappläden verleihen den Gebäuden auch nach außen hin ein frisches Gesicht. Besonders geprägt wird das äußere Erscheinungsbild der Siedlung durch die Ergänzung beziehungsweise Vergrößerung der Balkone: Während der „alte“ Wallmer erstmals Balkone aus vorgestellten Stahlkonstruktionen erhielt, wurden die bereits bestehenden kleinen Balkone im „neuen“ Wallmer durch bunte, schubladenartige Elemente erweitert, die den Bewohner*innen zusätzliche Wohnqualität bieten. Je nach Straßenzug unterscheiden sich die Farben der Bauelemente und sorgen für Lebendigkeit und Frische im Wohnquartier.

Mit seinem unverkennbaren Charakter stiftet der Wallmer damals wie heute Identität und prägt das heterogene und vielfältige Stuttgarter Stadtbild auf eindrucksvolle Weise. 90 Jahre nach ihrer Fertigstellung, erstrahlt die ehemalige Arbeitersiedlung nun in ihrer schönsten Form: als buntes und belebtes Quartier, in dem sich Jung und Alt zuhause fühlen.